Mit "offizieller Genehmigung" nun als vollständiger Text
Analyse von: Geflüster auf Burg Schreckenstein
(Alle Seitenangaben beziehen sich auf: O. Hassencamp; Burg Schreckenstein. Gesamtausgabe Band I und II, Franz Schneider Verlag, München 1990/91)
Telefongeflüster
?Komplett singulär? [II, 511] ist es, was uns am Anfang des 27. Bandes erwartet, und zwar nicht nur für uns, die wir mit fassungslosem Erstaunen einem Ritter und einer Rosenfelserin (Huhn wäre der Bedeutung des Augenblicks kaum angemessen) in traulichem Tete-a-tete in einer Wirtschaft begegnen, sondern auch für Ritter Andi, dem zu dem Wunsch Amandas, ihn möglichst bald einmal wiederzusehen, natürlich nur eine Erklärung einfällt: ?Willst du einen Streich mit mir machen?? [II, 511] Natürlich hat Amanda etwas ganz anderes im Sinn, und unbemerkt von uns allen, vielleicht sogar von OH (Natürlich nicht. Im folgenden wird sich zeigen, daß nichts, aber auch gar nichts in diesem bemerkenswerten Buch unbewußt, unbedacht oder gar fehlerhaft geschrieben wurde), sicher aber von Andi, arbeitet sie auch darauf hin.
Was für einen durchschnittlichen Sechzehnjährigen eigentlich eher das kleinere Problem des 'sich mit einem Mädchen treffen' darstellt, nämlich das 'Wo', wirft Andi völlig aus der Bahn. Trotz hochkomprimierten Überlegens fällt ihm reinweg gar nichts ein, nicht mal das Kabuff unter der Treppe, kein Wunder bei der an idyllischen Treffpunkten so armen Gegend rund um den Kappellsee. Amanda hingegen weiß natürlich bereits, was sie will, und sie weiß natürlich auch längst, wie. ?Wie auf Knopfdruck? [II, 511] sprudelt sie ihren Plan heraus, und daß sie als Treffen die verrauchte Gastwirtschaft in Wampoldsreute vorschlägt, deutet weniger auf eine fehlende romantische Ader als mehr auf eine trockene realistische Einschätzung der Situation. Amanda weiß, hätte sie sich mit Andi auf dem Hochsitz am See verabredet, wäre er vermutlich mit Trainingsanzug und Sprungseil erschienen und hätte auf dem Campingkocher Bouillon zubereitet.
?Warum schnorchelst du nicht ein kühles Bier?? [II, 512] fragt sie, die sich selbst mit dem mindestens bereits zweiten Gespritzten auf Temperatur bringt (wobei zu hoffen ist, daß es sich nicht um die Korn/Magenbitter-Mischung handelt, die in diversen Kölner Kneipen als Gespritzter gehandelt wird). Aber natürlich scheitert die Umkehr des Rollenspiels an der sturen Kurzhosigkeit eines rechten Ritters. Erst nach Amandas (wahrscheinlich mit Unterstützung des ?So was habt ihr noch nicht gesehen? [II, 396]-Augenaufschlags) Anmerkung, sie ?fände es ausgesprochen gemütlich ... ? [II, 512], und ihren Satz mit drei Pünktchen enden läßt, merkt selbst Andi, der ?als Radrennfahrer zu Fuß ganz langsam? [I, 106] ist, plötzlich, was hier gespielt werden soll, und blickt ängstlich nach der Uhr: ?Es ist ... , es ist nur ungewohnt, abends mit dir hier ...? [II, 512].
Auch wenn er nur zagend in die Seele des schönsten Mädchens von Rosenfels zu blicken wagt, die einer anderen kennt er dafür um so besser. Beatrix, von Amanda ins Vertrauen gezogen, bereitet ihm Unwohlsein. Da sich ihr alter Freund Stephan offensichtlich gerade für ein anderes Mädchen interessiert, sieht Andi dunkle Wolken am Horizont der Gemeinschaft heraufziehen und tut dies auch kund. Amanda und die anderen Freundinnen von Beatrix haben das ganze bisher natürlich leichtfertig abgetan. Aber Andi kennt die Frauen. Zumindest hat er die Stimmung kippen lassen und Amandas Plan vereitelt, ohne daß die es bemerkt hat.
Eine derartig kompakte Schilderung von Streich und Gegenstreich auf nicht mal drei Seiten ist bereits der zweite Beleg dafür, daß es sich bei Band 27 um eine Singularität handelt. Daß, wie immer, die Ritter gewinnen, ist natürlich alte Tradition. Und doch, das erste Mal schleicht sich der Verdacht ein, daß Andi vielleicht gar nicht gewonnen hat. Auch wenn ihm selbst das erst in einigen Jahren aufgehen wird.
Inzwischen geht das Leben auf der Burg seinen gewohnten Gang. Doch auch hier hat es eine Veränderung gegeben. Ein Neuer, der so neu eigentlich gar nicht mehr ist, Florian, erweist sich als in allen ritterlichen Tugenden so vorbildlich, daß man ihn zum Ritter schlagen könnte. Nanu, mag da der eine oder andere sagen, am Anfang genügte der Eid ?Ich will auf Schreckenstein allzeit fair und ehrlich sein? [I, 8], um sich Ritter nennen zu dürfen, und inzwischen muß man sich im Streich bewähren, sogar noch mindestens einen der ominösen Fressrekorde brechen, um dazuzugehören? Und selbst dann noch kommt jemand daher und macht spitze Bemerkungen ?Dann nehmt ihn doch gleich in den Ritterrat auf!? [II, 513], als wäre (mit einer Ausnahme) je schon mal einer in den Ritterrat aufgenommen worden. Hoppla. Auch hier scheinen sich Untiefen abzuzeichnen, und sofort mahnen Ottokar und Stephan wie aus einem Mund ?Langsam! Das gibt sonst nur ...? [II, 513] Ja? Was gibt es sonst? Werden wir jetzt endlich erfahren, was die Mitgliedschaft im Ritterrat ausmacht, warum Pummel, Eugen, Strehlau nicht drin sind, wie gefährlich instabil die Verhältnisse eigentlich sind? Band 28: 'Der Ritterputsch von Schreckenstein?' Die Ritterschaft frißt ihre Väter? Nichts von alledem erfahren wir. Der Reihe nach werden Ritterratsabgeordnete von Rosenfelserinnen am Telefon verlangt, und die Miniritter versuchen herauszufinden, worum es geht. Worum geht es? Wir erinnern uns an Andis Worte zu Beginn des Kapitels ?Willst du einen Streich mit mir machen??, der Kreis schließt sich und wir freuen uns, das wenigstens bei den Minis noch alles beim alten ist.
Kapuzinergeflüster
Alles hat ein Ende, nur ?Schulen, in denen Lernende und Lehrende zwei Lager bilden? [II, 515], haben derer zwei. Auf Rosenfels gibt es momentan noch mehr lose Enden, und alle tuscheln sie miteinander. Inzwischen sind die Vorahnungen von Prophet Andi auch bei den Freundinnen von Beatrix angekommen. Diese hatte nichts besseres zu tun, als Andis und Amandas Treffen öffentlich zu machen ('ja na und?' mag man da fragen, Stephan trifft Anke mitten auf dem See, und es ist (fast) allen völlig egal), und jene sind darob nun aufgewacht. ?Lang geht das nicht gut!? [II, 516] folgt Ingrid, weniger aufgrund ihrer Visionen, als mehr ihrer überragenden Intelligenz, Andis Spuren, leider ohne anzufügen, was denn eigentlich. Und Sophie beschließt die Tagesordnung mit ?Dafür wird Beatrix schon sorgen.? [II, 516]
Gut, daß wir drüber gesprochen haben.
Unterdessen macht sich Andi auf zu seinem abendlichen Stelldichein in Wampoldsreute. Geschickt täuscht er Beobachter, indem er seine Regenjacke im Trompetenkasten versteckt in die Folterkammer schmuggelt und erst dort anzieht (eine wirklich ausgefuchste Idee) und landet schließlich mit Amanda auf ihren Plätzen bei ihren Getränken. Mit ?Heut' ist es schon, als ob wir uns seit ewig hier träfen? [II, 517] versucht sie sofort, diesen Eindruck zu verstärken und Andis ?es ist so ungewohnt? vom ersten Abend gar nicht erst zuzulassen. Und sogar der kapiert die Anspielung: ?Heut' schau' ich auch nicht auf die Uhr? [II, 517], worauf Amanda sofort strahlt und ?Gemütlichkeit, die Zweite? inszeniert. Doch auch diesmal scheitert ihr Bemühen bereits im Ansatz und nicht nur am Apfelsaft, denn kaum hat sie von Beatrix' Indiskretion erzählt, wird sie sofort von Andi aus der Kneipe und ins Versteck gezerrt. Daß sie ihm in ihrer Verwirrung und ihrem Gehorsam besonders gut gefällt, ist schon ein bisschen interessant, wenngleich wir ihm gerne zurufen würden 'Täusch dich nicht, Andi'. Im Versteck, genau genommen im Regen in gelben Gummiumhängen hinter der Kneipe an der Wand unterm Fenster hockend, beobachten sie nach und nach die Ankunft verschiedener Ritter und Rosenfelserinnen.
Während die beiden also draußen im kalten Regen hocken, füllt sich die Wirtschaft mit verschiedenen bekannten (Ottokar und Sophie), halbbekannten (Stephan und Anke) und neuen Paaren (Florian und Ingrid, Klaus und Isabella), denen es ganz offensichtlich nichts auszumachen scheint, sich öffentlich gemeinsam, wenn auch an verschiedenen Tischen, zu zeigen. Eine Weile haben so alle ihren Spaß, die einen gemütlich in der Wirtschaft, die anderen draußen im Regen, als plötzlich das Überraschungspaar des Abends erscheint: Dampfwalze und Beatrix. Die sich natürlich sofort neben Stephan setzt und damit die Karten auf den Tisch und ihren Vorteil in die Tonne schmeißt. Beatrix, die es bislang zwar bis ins Kabuff (wo sie leider einschlief), aber nur bis auf Rüsselweite an Stephan geschafft hat (wo sie leider von FDH gestört wurde, im übrigen eine Szene, von der selbst Amanda sich noch ein Scheibchen abschneiden könnte: ?Unten hat es noch ... zuviel Spielraum!? !!! ?Dafür könnte der zwischen euren Köpfen etwas größer sein!? [II, 315]), Beatrix hat leider geringere Kenntnisse der Materie als, möchte man fast meinen, selbst die Zwerghühner ( ?Die haben uns nur als Holzwolle gebraucht? [II, 521]). Im Gegensatz zu ihr steht Dampfwalze diesmal nicht auf der Leitung, er weiß sofort, daß Beatrix die Nummer vergeigt hat und versucht daher, Ingrid zu sich zu ziehen. Nachdem herauskommt, daß Beatrix dieses Zusammentreffen letztlich organisiert hat ( ?hab ich euch zuviel versprochen?? [II, 519]), ist zwar nicht mehr so ganz klar, woher die Überraschung bei ihrem Eintritt kam, die Überraschung jetzt kommt allerdings daher, daß vierzig weitere (Mini-) Ritter und Hühner plötzlich tropfnass in der Kneipe stehen.