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Jean

Unregistered

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Wednesday, January 14th 2004, 8:25pm

Band 27 - Analyse des "Geflüsters"

Mit "offizieller Genehmigung" nun als vollständiger Text

Analyse von: Geflüster auf Burg Schreckenstein


(Alle Seitenangaben beziehen sich auf: O. Hassencamp; Burg Schreckenstein. Gesamtausgabe Band I und II, Franz Schneider Verlag, München 1990/91)

Telefongeflüster
?Komplett singulär? [II, 511] ist es, was uns am Anfang des 27. Bandes erwartet, und zwar nicht nur für uns, die wir mit fassungslosem Erstaunen einem Ritter und einer Rosenfelserin (Huhn wäre der Bedeutung des Augenblicks kaum angemessen) in traulichem Tete-a-tete in einer Wirtschaft begegnen, sondern auch für Ritter Andi, dem zu dem Wunsch Amandas, ihn möglichst bald einmal wiederzusehen, natürlich nur eine Erklärung einfällt: ?Willst du einen Streich mit mir machen?? [II, 511] Natürlich hat Amanda etwas ganz anderes im Sinn, und unbemerkt von uns allen, vielleicht sogar von OH (Natürlich nicht. Im folgenden wird sich zeigen, daß nichts, aber auch gar nichts in diesem bemerkenswerten Buch unbewußt, unbedacht oder gar fehlerhaft geschrieben wurde), sicher aber von Andi, arbeitet sie auch darauf hin.
Was für einen durchschnittlichen Sechzehnjährigen eigentlich eher das kleinere Problem des 'sich mit einem Mädchen treffen' darstellt, nämlich das 'Wo', wirft Andi völlig aus der Bahn. Trotz hochkomprimierten Überlegens fällt ihm reinweg gar nichts ein, nicht mal das Kabuff unter der Treppe, kein Wunder bei der an idyllischen Treffpunkten so armen Gegend rund um den Kappellsee. Amanda hingegen weiß natürlich bereits, was sie will, und sie weiß natürlich auch längst, wie. ?Wie auf Knopfdruck? [II, 511] sprudelt sie ihren Plan heraus, und daß sie als Treffen die verrauchte Gastwirtschaft in Wampoldsreute vorschlägt, deutet weniger auf eine fehlende romantische Ader als mehr auf eine trockene realistische Einschätzung der Situation. Amanda weiß, hätte sie sich mit Andi auf dem Hochsitz am See verabredet, wäre er vermutlich mit Trainingsanzug und Sprungseil erschienen und hätte auf dem Campingkocher Bouillon zubereitet.

?Warum schnorchelst du nicht ein kühles Bier?? [II, 512] fragt sie, die sich selbst mit dem mindestens bereits zweiten Gespritzten auf Temperatur bringt (wobei zu hoffen ist, daß es sich nicht um die Korn/Magenbitter-Mischung handelt, die in diversen Kölner Kneipen als Gespritzter gehandelt wird). Aber natürlich scheitert die Umkehr des Rollenspiels an der sturen Kurzhosigkeit eines rechten Ritters. Erst nach Amandas (wahrscheinlich mit Unterstützung des ?So was habt ihr noch nicht gesehen? [II, 396]-Augenaufschlags) Anmerkung, sie ?fände es ausgesprochen gemütlich ... ? [II, 512], und ihren Satz mit drei Pünktchen enden läßt, merkt selbst Andi, der ?als Radrennfahrer zu Fuß ganz langsam? [I, 106] ist, plötzlich, was hier gespielt werden soll, und blickt ängstlich nach der Uhr: ?Es ist ... , es ist nur ungewohnt, abends mit dir hier ...? [II, 512].
Auch wenn er nur zagend in die Seele des schönsten Mädchens von Rosenfels zu blicken wagt, die einer anderen kennt er dafür um so besser. Beatrix, von Amanda ins Vertrauen gezogen, bereitet ihm Unwohlsein. Da sich ihr alter Freund Stephan offensichtlich gerade für ein anderes Mädchen interessiert, sieht Andi dunkle Wolken am Horizont der Gemeinschaft heraufziehen und tut dies auch kund. Amanda und die anderen Freundinnen von Beatrix haben das ganze bisher natürlich leichtfertig abgetan. Aber Andi kennt die Frauen. Zumindest hat er die Stimmung kippen lassen und Amandas Plan vereitelt, ohne daß die es bemerkt hat.

Eine derartig kompakte Schilderung von Streich und Gegenstreich auf nicht mal drei Seiten ist bereits der zweite Beleg dafür, daß es sich bei Band 27 um eine Singularität handelt. Daß, wie immer, die Ritter gewinnen, ist natürlich alte Tradition. Und doch, das erste Mal schleicht sich der Verdacht ein, daß Andi vielleicht gar nicht gewonnen hat. Auch wenn ihm selbst das erst in einigen Jahren aufgehen wird.

Inzwischen geht das Leben auf der Burg seinen gewohnten Gang. Doch auch hier hat es eine Veränderung gegeben. Ein Neuer, der so neu eigentlich gar nicht mehr ist, Florian, erweist sich als in allen ritterlichen Tugenden so vorbildlich, daß man ihn zum Ritter schlagen könnte. Nanu, mag da der eine oder andere sagen, am Anfang genügte der Eid ?Ich will auf Schreckenstein allzeit fair und ehrlich sein? [I, 8], um sich Ritter nennen zu dürfen, und inzwischen muß man sich im Streich bewähren, sogar noch mindestens einen der ominösen Fressrekorde brechen, um dazuzugehören? Und selbst dann noch kommt jemand daher und macht spitze Bemerkungen ?Dann nehmt ihn doch gleich in den Ritterrat auf!? [II, 513], als wäre (mit einer Ausnahme) je schon mal einer in den Ritterrat aufgenommen worden. Hoppla. Auch hier scheinen sich Untiefen abzuzeichnen, und sofort mahnen Ottokar und Stephan wie aus einem Mund ?Langsam! Das gibt sonst nur ...? [II, 513] Ja? Was gibt es sonst? Werden wir jetzt endlich erfahren, was die Mitgliedschaft im Ritterrat ausmacht, warum Pummel, Eugen, Strehlau nicht drin sind, wie gefährlich instabil die Verhältnisse eigentlich sind? Band 28: 'Der Ritterputsch von Schreckenstein?' Die Ritterschaft frißt ihre Väter? Nichts von alledem erfahren wir. Der Reihe nach werden Ritterratsabgeordnete von Rosenfelserinnen am Telefon verlangt, und die Miniritter versuchen herauszufinden, worum es geht. Worum geht es? Wir erinnern uns an Andis Worte zu Beginn des Kapitels ?Willst du einen Streich mit mir machen??, der Kreis schließt sich und wir freuen uns, das wenigstens bei den Minis noch alles beim alten ist.

Kapuzinergeflüster
Alles hat ein Ende, nur ?Schulen, in denen Lernende und Lehrende zwei Lager bilden? [II, 515], haben derer zwei. Auf Rosenfels gibt es momentan noch mehr lose Enden, und alle tuscheln sie miteinander. Inzwischen sind die Vorahnungen von Prophet Andi auch bei den Freundinnen von Beatrix angekommen. Diese hatte nichts besseres zu tun, als Andis und Amandas Treffen öffentlich zu machen ('ja na und?' mag man da fragen, Stephan trifft Anke mitten auf dem See, und es ist (fast) allen völlig egal), und jene sind darob nun aufgewacht. ?Lang geht das nicht gut!? [II, 516] folgt Ingrid, weniger aufgrund ihrer Visionen, als mehr ihrer überragenden Intelligenz, Andis Spuren, leider ohne anzufügen, was denn eigentlich. Und Sophie beschließt die Tagesordnung mit ?Dafür wird Beatrix schon sorgen.? [II, 516]
Gut, daß wir drüber gesprochen haben.

Unterdessen macht sich Andi auf zu seinem abendlichen Stelldichein in Wampoldsreute. Geschickt täuscht er Beobachter, indem er seine Regenjacke im Trompetenkasten versteckt in die Folterkammer schmuggelt und erst dort anzieht (eine wirklich ausgefuchste Idee) und landet schließlich mit Amanda auf ihren Plätzen bei ihren Getränken. Mit ?Heut' ist es schon, als ob wir uns seit ewig hier träfen? [II, 517] versucht sie sofort, diesen Eindruck zu verstärken und Andis ?es ist so ungewohnt? vom ersten Abend gar nicht erst zuzulassen. Und sogar der kapiert die Anspielung: ?Heut' schau' ich auch nicht auf die Uhr? [II, 517], worauf Amanda sofort strahlt und ?Gemütlichkeit, die Zweite? inszeniert. Doch auch diesmal scheitert ihr Bemühen bereits im Ansatz und nicht nur am Apfelsaft, denn kaum hat sie von Beatrix' Indiskretion erzählt, wird sie sofort von Andi aus der Kneipe und ins Versteck gezerrt. Daß sie ihm in ihrer Verwirrung und ihrem Gehorsam besonders gut gefällt, ist schon ein bisschen interessant, wenngleich wir ihm gerne zurufen würden 'Täusch dich nicht, Andi'. Im Versteck, genau genommen im Regen in gelben Gummiumhängen hinter der Kneipe an der Wand unterm Fenster hockend, beobachten sie nach und nach die Ankunft verschiedener Ritter und Rosenfelserinnen.
Während die beiden also draußen im kalten Regen hocken, füllt sich die Wirtschaft mit verschiedenen bekannten (Ottokar und Sophie), halbbekannten (Stephan und Anke) und neuen Paaren (Florian und Ingrid, Klaus und Isabella), denen es ganz offensichtlich nichts auszumachen scheint, sich öffentlich gemeinsam, wenn auch an verschiedenen Tischen, zu zeigen. Eine Weile haben so alle ihren Spaß, die einen gemütlich in der Wirtschaft, die anderen draußen im Regen, als plötzlich das Überraschungspaar des Abends erscheint: Dampfwalze und Beatrix. Die sich natürlich sofort neben Stephan setzt und damit die Karten auf den Tisch und ihren Vorteil in die Tonne schmeißt. Beatrix, die es bislang zwar bis ins Kabuff (wo sie leider einschlief), aber nur bis auf Rüsselweite an Stephan geschafft hat (wo sie leider von FDH gestört wurde, im übrigen eine Szene, von der selbst Amanda sich noch ein Scheibchen abschneiden könnte: ?Unten hat es noch ... zuviel Spielraum!? !!! ?Dafür könnte der zwischen euren Köpfen etwas größer sein!? [II, 315]), Beatrix hat leider geringere Kenntnisse der Materie als, möchte man fast meinen, selbst die Zwerghühner ( ?Die haben uns nur als Holzwolle gebraucht? [II, 521]). Im Gegensatz zu ihr steht Dampfwalze diesmal nicht auf der Leitung, er weiß sofort, daß Beatrix die Nummer vergeigt hat und versucht daher, Ingrid zu sich zu ziehen. Nachdem herauskommt, daß Beatrix dieses Zusammentreffen letztlich organisiert hat ( ?hab ich euch zuviel versprochen?? [II, 519]), ist zwar nicht mehr so ganz klar, woher die Überraschung bei ihrem Eintritt kam, die Überraschung jetzt kommt allerdings daher, daß vierzig weitere (Mini-) Ritter und Hühner plötzlich tropfnass in der Kneipe stehen.

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Jean

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Wednesday, January 14th 2004, 9:31pm

Analyse des "Geflüsters" von Band 27, Teil 2

Da Kress weniger am Jugendschutz als am Umsatz interessiert ist, sitzt bald alles gemütlich und fröhlich neben- und aufeinander, mit Ausnahme der beiden Beobachter im strömenden Regen. Amanda, die sich diesen Abend nach dem hoffnungsvollen Beginn weiß Gott anders vorgestellt hatte, sorgt mit dem durchs Fenster gebrüllten Warnruf ?Schnell weg! Die Horn kommt.? [II, 20]für das absolute Chaos in der Wirtsstube und zeigt damit, daß sie Beatrix, zuvor von ihr als ?Kanaille? bezeichnet, was Rachegelüste angeht, in nichts nachsteht. Und auch Andi hat das mitbekommen. Der zaghaft lächelnden Amanda erklärt er: ?Du bist die Kanaille!? [II, 521]

Bettgeflüster
Amanda ist sauer. ?Macht uns den Mund wässrig mit ihrem Schummergeflüster! Dabei wollte sie nur Stephan ärgern, die Kanaille!? [II,521] schimpft sie über Beatrix und schlägt ihr Kopfkissen. Moment mal, wieso sollte Beatrix ihr den Mund wässrig gemacht haben? Amanda wußte doch von der ganzen Aktion gar nichts und war sowieso mit Andi unterwegs! Nein, worüber Amanda wirklich sauer ist, sagt sie uns, ohne daß die anderen Verdacht schöpfen sollen: 'Mir war schon der Mund wässrig, und mit ihrem Schummergeflüster, nur um Stephan zu ärgern, hat sie mir alles versaut. Und dann habe ich auch noch vor Andi soviel von mir gezeigt, daß er mich als Kanaille bezeichnet hat.' Das sie dabei ihr Kopfkissen schlägt, ist ein schönes Bild.

Beatrix unterdessen ist von ihrem eigenen Kopfkissen viel zu weit entfernt, als das sie es schlagen könnte. Sie ist wirklich vom Pech verfolgt. Nach dem ganzen mißlungenen Abend (es ist interessant, zu beobachten, wie parallel Beatrix und Amanda wieder laufen, denn nur für sie beide ist der Abend mißlungen, alle anderen hatten ja ihren Spaß) ist nun auch noch ihr Rad weg.
Irgendwie gelangt sie mit den Minis zur Burg, von wo aus zwar Sonja auf Rosenfels verständigt werden kann, aber leider keine Rücktransportmöglichkeit besteht.
Natürlich lehnt Beatrix Ottokars gutgemeinten, aber nicht durchdachten Vorschlag ab, sich von Stephan begleitet mit einem Leihrad nach Rosenfels aufzumachen, denn gedemütigt, durchfroren, naß und müde sieht sie sich aktuell kaum in der rechten Situation, verlorenes Terrain zurückzuerobern. Die ungefragte Einmischung von Paule in die Diskussion läßt diese bei den Rittern wie üblich in Alberei ausarten. Bei Beatrix jedoch ruft sie ein namenloses zutiefstes Erschrecken hervor, und doch ergreift die Geschockte selbst die Initiative und versucht, Paule in seinen Behälter zurückzuschieben. Eine Szene baut sich auf, die in ihrer Dichte mit jedem Psychothriller mithalten kann: ein verängstigtes, gehetztes junges Mädchen mit nassen Haaren in verzweifelter Umarmung mit einem Skelett (und im Hintergrund spielen Streicher schrille Stakkatotöne). Der Tod und das Mädchen, ein Sujet, das bereits ungezählte Maler, Musiker und nun auch Schriftsteller in seinen Bann zog. Eros und Thanatos, Todeskampf und Liebesakt, Beatrix und Paule. Sie kann ihn nicht loswerden, denn er kippt ihr immer wieder entgegen, und kann sich auch nicht von ihm lösen, denn ihr Entsetzen und Geschocktsein rühren, wie jeder Psychobart erkennt, von etwas anderem her: Dieser Paule, der kalte, grinsende Knochenmann, ist niemand anders als Stephan. Was dieser auch sofort beweist: mit ?sachlichem Gerede? [II, 523] (wunderbar prägnant) erklärt er ihr die nötigen Griffe in der richtigen Reihenfolge, und das sogar zweimal hintereinander. Er greift nicht ein, führt es nicht vor (sonst wäre Paule ja bereits in der Kiste), er überläßt das Mädchen seinem emotionalen Kampf mit den Elementen und redet von der richtigen Technik. Die übrigen Ritter hat das Psychodrama verstummen lassen, sie haben dem Druck nicht mehr standgehalten und sind davongeschlichen. Und plötzlich merkt Stephan, daß er ganz allein ist. Allein mit Eros, Thanatos und dem Mädchen. Und zu allem Unglück hat auch er selbst noch das Gespräch in unheimliche Richtung geführt: Beatrix soll bei ihren ungeschickten Versuchen auf die Sense aufpassen, denn ?du schneidest dich womöglich daran? [II, 523]. Sie könnte sich an der Sense des kalten Knochenmannes Paule/Stephan schneiden und bluten? Beatrix stutzt hier natürlich zu Recht. Das kann Stephan nicht wirklich meinen. Doch er meint es. ?Wenn du zum Arzt mußt, erfährt's die Horn, und da es bei uns passiert, sind wir natürlich wieder schuld.? [II, 523] Diese Betrachtungsweise wirkt auf Beatrix wie eine kalte Dusche. Für sie ist Stephan in dem Moment wirklich gestorben. ?Aus dir spricht ja Angst, nackte Angst.? [II, 523] stellt sie fest, und fordert ihn auf ?Wenn du fertig bist, sag's mir.? [II, 523] Stephan ist wirklich fertig, und in der Tat, sein Blick verrät ?nicht einmal Spurenelemente von Intelligenz? [II, 524]. Ihm bleibt nichts weiter als der unehrenhafte Rückzug, und so empfindet er es auch: ?Schade, kein schöner Abschluß.? [II, 524]
Und mit diesem unschönen Abschluß endet die Beziehung zwischen Stephan und Beatrix.

Doch der Abend endet noch nicht. Erneut findet Dampfwalze sich bereit, Beatrix zu helfen, wohl wissend, daß er bereits vorher ?nur Tarnung? [II, 524] gewesen ist. Doch im Gegensatz zu Stephan versucht er sich so ritterlich wie möglich zu verhalten. Er leiht ihr einen Schlafsack und erklärt sich bereit, mit ihr in der Folterkammer zu übernachten. Bis zum Kabuff hat es Dampfwalze nämlich noch nicht gebracht. Als der einzige (große) Ritter, der noch nie mit einem Mädchen ernsthaften Kontakt hatte, bleibt ihm tatsächlich nur die Folterkammer. Aber in einer Folterkammer entwickeln sich keine zarten Bindungen. So versichern sie sich ihrer Wertschätzung und ihrer Freundschaft, die sofort die Züge eines Zweckbündnisses trägt. Für Beatrix kommt eine Verbindung Beatrix-Dampfwalze gar nicht in Frage ?ich passe auf Ingrid auf? [II, 525], und sie macht auch absolut keinen Hehl daraus: Als Dampfwalze ihr offenbart, daß er Uwe heißt und von ihr so genannt werden möchte, weigert sie sich sofort und rigoros.
Was vom Tage übrig bleibt? Amanda schlägt ihr Kopfkissen, Stephan mußte geschlagen abtreten, Dampfwalze verbringt die Nacht schlaflos auf der Streckbank.
Und in der dunklen Folterkammer hören wir Beatrix lachen.

Schloßgeflüster
Am nächsten Morgen ist auf beiden Schulen der Alltag eingekehrt. Bevor Beatrix von Dampfwalze über den See gerudert wird und noch rechtzeitig zum Unterricht kommt, verzwazzelt sie die Toilettenartikel der Jungen. Nicht sehr originell, zugegeben, aber doch auch wieder vielsagend wird von ihr symbolisch auf die verworrenen Körper-, Geistes- und Hygieneverhältnisse pubertierender Jungen hingewiesen, was nach der Behandlung durch die Ritter am vergangenen Abend durchaus nachvollziehbar ist.
Florian, dessen Status den Ritterrat ja schon gestern in ernsthafte Schwierigkeiten gestürzt hatte, leidet unter dem weiteren Ausbau seines Renommees. Nicht genug damit, daß er jonglieren kann, er sieht auch noch einem Vorfahren Mauersäges ähnlich. Bei allen Rittern beliebt zu sein, ist mehr, als er ertragen kann. Und wie Polykrates seinen Ring, so opfert Florian seine Frikadelle und steht hungrig vom Tisch auf. Auf dem Weg zum Friseur, gedrückt von Selbstzweifeln, sieht er gleich einem Ring in eines Fisches Bauch etwas aus der Hecke blinken. Beatrix' Fahrrad, naß und unabgeschlossen, offensichtlich von ihrer Besitzerin hier übersehen. Er beschließt, das Rad nach Rosenfels zurückzubringen, wo er prompt FDH in die Fänge läuft. Niemand, der eine Fundsache abliefern möchte, rechnet mit der spanischen Inquisition, und so kostet die anschließende Examinierung den unvorbereiteten Florian seine ganze Geistesgegenwart, um die arme Beatrix nicht zu verraten. Seine Selbstzweifel verstärken sich noch, als er endlich entlassen wird. Hat er sich jetzt auch noch vor allen Mädchen blamiert? Doch dann wird er von Beatrix eingeholt, die ihn lobt und ihm den ersten Kuß der Filmgeschichte gibt. Und das, obwohl weit und breit niemand in der Nähe ist, der es sehen könnte. Was ist los mit Beatrix? Kaum ist sie Stephan los, schmeißt sie sich dem nächstbesten an den Hals, auch wenn der möglicherweise der nächste Beste sein wird? Und dann auch noch dem Objekt der Begierde ihrer eigenen Freundin Ingrid? Wie hatte sie sich doch noch Dampfwalze gegenüber entrüstet: ?Drängt sich da in eure Freundschaft, hinter deinem Rücken. Ich finde das nicht sehr ritterlich.? [II, 524] Natürlich ist jemand in der Nähe, der es gesehen hat, und natürlich ist das gerade Ingrid. ?Was soll der Bussiquatsch?? [II, 529] ist ihre für das schnellste Hirn von Rosenfels nicht gerade überragende, aber von Beatrix genau gewünschte Reaktion. Mit ?blitzenden Augen? [II, 529] streckt sie ihr die Zunge heraus und beweist damit ihre Loyalität und ritterliche Gesinnung. Denn ihre Augen blitzen nicht zornig. Wieso auch, sie hat ja geküßt, und nicht Ingrid. Ihre Augen blitzen triumphierend. Denn sie wollte von Ingrid gesehen werden. Und plötzlich erinnern wir uns an ihre Worte zu Dampfwalze: ? und ich passe auf Ingrid auf.? Es geht nicht um Florian. Es geht um Ingrid und um Dampfwalze, den sie zwar als 'Uwe' nicht ernst nehmen kann (da ?lachen ja die Hühner? [II, 525]), als Freund jedoch schätzt und seine Interessen verteidigt. Mit einem ersten Erfolg: Florian bleibt praktisch stumm und macht sich schnell wieder auf den Rückweg.

Jean

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Wednesday, January 14th 2004, 9:33pm

Analyse des "Geflüsters" von Band 27, Teil 3

Liebesgeflüster
?Beatrix und Ingrid reden nicht mehr miteinander? [II, 530], weiß Amanda zu berichten. Den Grund kennt sie jedoch sicher nicht, denn es ist unwahrscheinlich, daß eine von beiden die Episode mit Florian weitererzählt hat. Für Amanda ist klar: Beatrix ?dreht langsam, aber sicher durch.? [II, 530] Und nur wenige Augenblicke nach dieser Feststellung kommt Ottokar in die Telefonzelle gestürmt und reißt Andi praktisch noch im Gespräch den Telefonhörer aus der Hand, so dermaßen dringend muß er Beatrix sprechen. Es geht um den Toilettenartikelstreich, bei dem sechs Zahnbürsten und neun Seifen verschwunden sind. ?Dein sogenannter Streich in unserem Duschraum hat leider ein Nachspiel.? [II, 530] teilt er Beatrix sachlich mit, und kaum kann man der Versuchung widerstehen, 'ein gerichtliches' einzufügen. Die verschwundenen sechs Zahnbürsten und neun Seifen gehen natürlich auf das Konto der Ritter selbst, denn daß Beatrix sechs Zahnbürsten und neun Seifen einfach weggeworfen haben sollte, glaubt selbst Ottokar nicht wirklich. Aber er hat sich bereits zu weit aus dem Fenster gelehnt. ?Es war alles auf seinem Platz. Bis du geduscht hast. Dampfwalze kann's bezeugen.? [II, 530] Das ist natürlich hanebüchener Unsinn, denn daß vorher alles auf seinem Platz war, kann überhaupt niemand bezeugen, und daß Beatrix etwas fortgeworfen habe, könnte Dampfwalze nur bezeugen, wenn er mit Beatrix zusammen geduscht hätte. ?Und das hat er nicht.? [II, 530] wie Beatrix süffisant anmerkt. Ottokar merkt, daß er sich verrannt hat und erpreßt Beatrix damit, ihr per Einschreiben eine Rechnung in die Klasse zu schicken, weil er genau weiß: wenn FDH von der Sache erfährt, ist Beatrix dran, ob sie schuldig ist oder nicht. Diese Methode ist nicht neu. Immer schon haben die Ritter ausgenutzt, daß ihre Lehrer auf ihrer Seite waren, während die Mädchen stets auf sich alleine gestellt waren (die arme Sonja konnte leider selbst nie Autorität sein, mit ihrer ständigen fast schon pathologischen Angst, entlassen zu werden). Immer wieder wurde den Mädchen angedroht, sie an die Autoritäten zu verraten. 'Wir verpetzen euch zwar nicht, aber wir kreischen solange, bis jemand aufmerksam wird und nachhakt.' Diese sophistische Auslegung der eigenen Regeln nach dem Wortlaut und nicht nach dem Sinn macht Ottokar zum Paradebeispiel des bigotten Altritters, des Auslaufmodells aus den 50er Jahren, ein Technokrat mit Hang zum Fanatismus, der ein gestörtes Verhältnis zu gleichberechtigten Frauen hat. Und er hat sich nicht weiterentwickelt. Schon lange beschränkt er sich als Schulkapitän auf die Rolle des Ansagers (während der Ferienkapitän die Inhalte gleich mitbrachte) und Personalverwalters. Seine Elektrobasteleien laufen mit unzeitgemäßem Aufwand ab (so hängt er die Schule vom Stromnetz, um eine kleine Mikro/Lautsprecheranlage in der Folterkammer zu installieren, Pummel und Eugen haben ihn technisch längst überholt); ein Demokratieverständnis hat er nie entwickelt, wie sein Verhalten im Ritterrat, auch bezüglich Florian, zeigt; für ihn zählt das Funktionieren seiner Welt, der Schule. Später wird er zu Sonja sagen: ?Wie ihr sie [Beatrix] zur Vernunft bringt, ist eure Sache. Hauptsache es geschieht bald. Bei uns hat sie schon genug Wirbel gemacht.? [II,530] Er selbst wird nach diesem Telefonat nicht mehr maßgeblich eingreifen in die Geschicke der Burg. Und so wird am Schluß auch nicht er dem Musterritter der Zukunft den Ritterschlag erteilen, sondern irgendwo mit Sophie im Hintergrund stehen. Für den Rest seines Lebens.

Anschließend versucht Beatrix Florian zu erreichen, gerät aber an Dampfwalze. Da der erst zu Teil zwei ihres Projektes gehört, muß sie jetzt improvisieren. Sie erzählt ihm eine Geschichte von einer verlorenen Luftpumpe, die Florian suchen soll. Und tatsächlich, so albern und unlogisch die Geschichte und ihre vorgespielte Wut ist, Dampfwalze glaubt sie. Doch noch einen zweiten Punkt hat sie auf dem Herzen, und dafür ist Freund Dampfwalze genau der Richtige: Sie erklärt sich einverstanden, den Schaden, der als indirekte Folge ihres Streiches entstanden ist, zu regulieren. Beatrix zeigt damit, daß sie bereit ist, für alle Konsequenzen ihres Tuns die vollständige Verantwortung zu übernehmen. Anders als die Ritter, die sich stets hinter Regeln, der Gemeinschaft und den Autoritäten verstecken, tritt Beatrix aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit heraus und zeigt sich als unabhängige aufgeklärte Persönlichkeit (und damit als das genaue Gegenteil von Ottokar, der damit in diesem Zahnbürstenfall auf mehreren Ebenen ihren Gegenpart darstellt). Aus einer momentanen monetären Verlegenheit verspricht Dampfwalze ihr durch einen Kleinkredit herauszuhelfen. Die Verabredung mit ihm für den gleichen Abend ist kein Problem, doch jetzt kann Beatrix nur hoffen, das Teil 1 des Projektes funktioniert. Tut er: Auch mit Florian verabredet sie sich für den gleichen Abend, der daraufhin seinerseits auf einen Kontakt mit Ingrid verzichtet.

So treffen sich Dampfwalze und Beatrix am Abend im Wirtshaus. Beatrix' Plan ist knapp kalkuliert, gerade mal 75 Minuten hat sie für das Treffen mit Dampfwalze (der ihr das benötigte Geld leiht) inklusive Abgang und Rückkehr, bis Florian kommt. Doch hätte sie mit Florian ein deutlich späteres Treffen ausgemacht, wäre Dampfwalze wahrscheinlich schon in der Burg gewesen, bevor Florian sich auf den Weg gemacht hätte. So ist es natürlich eine glückliche Fügung, daß unerwarteterweise Stephan und Anke das Lokal betreten und so Beatrix' unverdächtigen Rückzug ermöglichen. Nun noch ein bisschen Schauspielerei, um Dampfwalzes Verdacht zu wecken, und der erste Teil des Planes ist vollbracht. Wie geplant, begegnet der heimkehrende Dampfwalze Florian und folgt diesem heimlich zur Wirtschaft. Dort beobachtet er, wie Beatrix mit Florian hereinkommt. Sie gibt Stephan das Geld für die Zahnbürsten. Dampfwalze, der seit der Nacht in der Folterkammer mit seinen Gefühlen offenbar etwas im unklaren ist, ist darüber verstimmt. ?Und ich spiel hier die Kreissparkasse. Aber die sollen sich wundern.? [II, 533] Daß er Beatrix das Geld genau zu diesem Zweck gegeben hat, daran denkt Dampfwalze nicht mehr. Er sieht zwei Pärchen und sich wie immer draußen vor der Tür (später wird es dazu noch einiges mehr zu sagen geben). Und die zu erwartende Lösung fällt ihm ein: er ruft Ingrid an. Anschließend beobachtet er noch, wie Beatrix Florian etwas Glitzerndes schenkt, dann endlich kann er mit der inzwischen eingetroffenen Ingrid (?eine Megaidee, daß du mich angerufen hast? [II, 533]) wieder mit ins Geschehen in der Gaststube. Hier stellt sich nach einem Sprachgeplänkel alsbald heraus, daß Beatrix gar kein Geheimnis daraus gemacht hat, daß sie von Dampfwalze Geld bekommen hat ( ?von Dampfwalze? [II, 544], platze Anke heraus), und natürlich wird auch das Geschenk für Florian, ein goldenes Eichhörnchen (das später an unerwarteter Stelle wieder auftaucht), zum Thema. Florian, unfreiwillig im Mittelpunkt, ist die Situation sichtlich peinlich. Dennoch hält er sich zurück und beteiligt sich nicht an den gehässigen Bemerkungen, die nun über Beatrix gemacht werden. In diese Idylle bricht Sonja ein, die mit FDH am Wirtshaus vorbeigefahren kommt. Schnell zaubert Beatrix einen Plan aus dem Ärmel, mit dem FDH beschwichtigt werden kann. In ein paar Zeilen ist die Sache durchgezogen: Die Leiterin von Rosenfels mit ihren Marotten ist inzwischen Kinderkram für Zwerghühner. Kaum noch der Rede wert.

Teegeflüster
Florian analysiert seine Situation. Die Rittergemeinschaft von Schreckenstein stellt eine so esoterisch abgegrenzte und gleichzeitig strukturell verknöcherte Gruppe dar, daß ?es eines gesunden Selbstbewußtseins? [II, 535] bedarf, hier einen Platz zu bekommen. Für einen pubertierenden Jugendlichen also nahezu eine Unmöglichkeit. Die Gemeinschaft hilft trotz ihrer vorgeblichen ritterlichen Tugenden dem Unsicheren und Schwächeren nicht, sondern grenzt ihn aus, und das mehr als jede andere Schule. Dabei versucht sie gleichzeitig, die eigenen Vorteile und Positionen eifersüchtig zu bewahren, denn ?je mehr Qualitäten einer mitbrachte, um so länger konnte es dauern.? [II, 535] Florian formuliert es so: ?Erst wenn alles, was du tust und kannst, ein alter Hut ist, bist du drin. Solange du sie noch mit etwas überraschen kannst, mußt du ganz leise traben!? [II, 536] Nur zur Erinnerung: er spricht hier nicht vom 'Verein zur Wahrung von Tradition und Sitte von 1820', sondern von einer Gemeinschaft junger Menschen, die dabei sind, das Leben und die Welt zu erobern. Natürlich muß Florian, der sich nach seinem Verständnis ritterlich verhalten hat, mit allem, was er tut, gegen den Geist dieser Gemeinschaft verstoßen. Doch ihm als Neuem und unmittelbar Betroffenem, fehlt noch die kritische Distanz und die Objektivität. Er kann noch nicht das System angreifen, und so sucht er die Schuld bei sich, was seine Verunsicherung nur erhöht. Er ?hätte sich am liebsten verkrochen.? [II,536]
Dabei liegt das System bereits auf dem Krankenbett. Der 'Wappenschild' erkennt in einem schnell ausgehängten Extrablatt, daß durch die Pärchenbildung von Rittern und Mädchen die Rittergemeinschaft bedroht wird. Und die Ritterschaft scheint selbst zu spüren, daß ihr altes System dem Untergang geweiht ist: ?obwohl ... jeder wußte, wer oder was gemeint ist, gab es keine Diskussion. Still nahm ihn die Ritterschaft zur Kenntnis.? [II, 536]

Jean

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Wednesday, January 14th 2004, 9:35pm

RE: Analyse des "Geflüsters" von Band 27, Teil 4

Vor tiefgreifenden Veränderungen ist in diesem Band selbst eine der alterwürdigsten Einrichtungen nicht geschützt: Anke darf am Kaffeeklatsch bei Dr. Waldmann teilnehmen, obwohl sie neu, weiblich und an den aktuellen Vorgängen völlig unbeteiligt ist (daß Beatrix sie in die Hand biss, lag nur an ihrem Schlichtungsversuch zwischen Beatrix und Ingrid). Anke darf teilnehmen, weil die Institutionen bröckeln: der Ritterrat, die Rittergemeinschaft, und jetzt die Teerunde, bei der es nicht einmal mehr Kuchen gibt. Bei dieser Teerunde haben die alten Macher ausgedient. Dr. Waldmann, ansonsten der Fachmann für Beziehungsprobleme auf der Burg, beläßt es bei einem ?Heiliger Kindergarten? [II, 537], Stephan erklärt, daß ihn ?nichts Beatrix gegenüber verpflichtet? [II, 537] und er eigentlich sowieso ?immer stiften gegangen ist? [II, 537] (was ja schon ausführlich analysiert wurde) und Ottokar sagt seinen bereits zitierten Satz bezüglich ?eurer Sache?. Im übrigen sein einziger Beitrag zu der ganzen Angelegenheit (auch dazu wurde bereits einiges gesagt).
So ist es letztlich Sonja, die versucht, die 'Angelegenheit Beatrix' zu bereinigen.

Unterdessen packt Florian den Stier bei den Hörnern und unterhält sich mit Dampfwalze, der ihn in letzter Zeit bereits häufiger rüde angegangen ist. Florian als Neuling hat keine Ahnung von den gewachsenen Strukturen, daher glaubt er, Beatrix wolle Dampfwalze und ihn zu Gegnern machen, ohne Ingrids Bedeutung dabei zu berücksichtigen. Für ihn gehört ja zunächst Beatrix zu Dampfwalze, dem er gestern ?nicht ins Gehege kommen wollte, mit dem sie davor zusammen war? [II, 536]. Er bietet Dampfwalze den Anhänger an, den er von Beatrix bekommen hat, und über dessen Bedeutung er sich nicht recht im Klaren ist: ?Ingrid war herzlich, schnell und witzig (Für Florian unmöglich, hier eine Verbindung zu Dampfwalze zu sehen). Mit ihr unterhielt er sich am liebsten. Und da funkte Beatrix mit dem Anhänger dazwischen, aus heiterem Himmel! So was schenkt man einem Freund, den man lange kennt ...? [II, 536] Mit diesem Anhänger stimmt etwas nicht, daher möchte er ihn schnellstens wieder loswerden. Also benutzt er Mückes Witz aus dem Gasthaus und macht ihn Dampfwalze als Pfand schmackhaft. Natürlich stand Beatrix' Ehrlichkeit nie in Frage, aber aus Dampfwalzes Reaktion erkennt Florian, das zwischen den beiden doch keine einvernehmliche Beziehung besteht.

Seegeflüster
Wieder einmal machen sich die Mädchen auf den Weg über den See, um die Ritter zu treffen. Beatrix, die sich einmischen will, wird kurzerhand überwältigt und weggeschubst, ?das sie stolperte und hinfiel? [II, 540], mit den Händen auf den Rücken gebunden. Aua.
Unterwegs stellen die Mädchen fest, daß ihre Situation recht albern ist, wie sie so im Pulk zu einem Stelldichein schippern. Auch ihnen ist klar, daß das Primat der Gemeinschaft durch andere Formen des Zusammenseins abgelöst werden wird. Amanda ist da bekanntermaßen Vorreiterin: ?Andi und ich haben gestern eine Mondscheinfahrt auf dem See gemacht. Ohne Bea, ohne Horn ...? [II, 540] Die drei Pünktchen stehen, so wollen wir alle hoffen, nur für ein 'und ohne Euch'.

Eine gemischte Gruppe macht es sich in der Folterkammer bequem. Dampfwalze ist nicht dabei. obwohl er Mitglied des Ritterrats ist. Er gehört nicht mehr dazu. Wieder erweist sich die alte Rittergemeinschaft als nicht mehr tragfähig.
So schleicht Dampfwalze durch die Burg, wie einst Mary Shelley's Monster durchs Land, beide auf der Suche nach Zuneigung, beide ausgeschlossen, beide namenlos. Denn wie das Monster nie einen Namen bekam, so durfte auch Dampfwalze nie seinen richtigen Namen tragen. Der einzige Versuch, der je überliefert wurde, war erbärmlich gescheitert. Das Monster heißt Uwe? Unvorstellbar. Wie konnte es mit Dampfwalze so weit kommen? Letztlich ist er durch die Gemeinschaft gescheitert, die ihn jetzt fallenlassen hat. Er hat sich nie um Freunde bemüht. Er hatte eine Leibgarde, und gerade diese Bezeichnung ist bezeichnend. Er hatte Bewunderer aus den unteren Reihen. Doch bei seinesgleichen konnte er nie wirklich Fuß fassen. Die einen haben ihn stets als Deppen abgelehnt. Die anderen, die bereit waren, ihn anzunehmen, hat er brüskiert. Durch seine geistige Unterlegenheit in jedem einen Gegner witternd, hat er sie mit seinem Mißtrauen verfolgt. Selbst Andi, mit dem ihn lange Zeit eine Art Freundschaft verband, hätte er bei erstbester Gelegenheit aus unbegründeter Eifersucht fast zusammengeschlagen. Dampfwalze hat keine Freunde, und, das ist der Fluch der Gemeinschaft, er brauchte bislang auch keine. Egal, wie die persönlichen Verhältnisse des Einzelnen aussehen, die Gemeinschaft preßt alles zusammen. Das jemand eigentlich alleine ist, fällt in der Zusammenballung nicht auf. Und da alle Differenzen mit der Floskel ?erledigt und vergessen? scheinbar aus der Welt verdrängt werden (ohne sie tatsächlich aufzulösen), hält die Sache auch für eine Weile, wie faule Zähne in einem Drahtgebiss. Bis das Geflecht sich lockert und der Einzelne plötzlich erkennt, was er eigentlich schon immer gewesen ist: der ?einsame Ritter. Eine neue Erfahrung.? [II, 541]
So hat Dampfwalze in all den Jahren nicht gelernt, mit anderen Menschen umzugehen. Auf seinen Streifzügen durch die Burg stellt er Beatrix. Und ihr, die ihm als letzte die Freundschaft angeboten hatte, schlägt er symbolisch mit dem ominösen Anhänger ins Gesicht, den er tatsächlich als Pfand für das geliehene Geld betrachtet. Und hier verliert Beatrix die Fassung. ?Ihr ... Schweine!? [II, 542] Mit diesem für die Serie ungewöhnlich rüden Ausdruck macht sie ihrem Herzen über diese Unverschämtheit Luft.
?Warum bin ich auch der Stärkste? [I, 178] klagt Dampfwalze einmal. Leider hat er sein Problem noch nie auch nur ansatzweise erkannt.

Ein schönes Beispiel für die klassische Rittermentalität wird uns zum Abschluß geliefert. Die lustige Runde in der Folterkammer bemerkt, daß der eine der beiden Zugänge mit zwanzig Autoreifen verstopft wurde. ?Das ist kein Ritterstreich. Überhaupt nicht lustig.? [II, 544] Drei Sätze zuvor teilt Dampfwalze mit, daß er die Luft aus Beatrix' Rad gelassen und ihr die Luftpumpe gestohlen und weggeschlossen hat, so daß sie im Regen zu Fuß nach Rosenfels zurück muß. Ein Ritterstreich. Lustig.

Jean

Unregistered

5

Wednesday, January 14th 2004, 9:37pm

RE: Analyse des "Geflüsters" von Band 27, Teil 5

Gruselgeflüster
Auf Initiative von Sonja und Ingrid wird beschlossen, Beatrix durch einen wohlmeinenden Schock zu kurieren. Der Plan, im wesentlichen von Florian entwickelt, ist im Grunde ganz einfach: durch ihre bekannte Angst vor Gruseligem soll sie in einen panikartigen Zustand versetzt werden, in dem ihr dann Gespenster die Leviten lesen. Um besonders glaubwürdig zu sein, wird der Text von Florians hellsehender Tante verfaßt, die zusätzliche Intima aus Beatrix' Leben beisteuert. Und so geschieht es. Beatrix wird von den Mädchen eingewickelt in die Folterkammer geschleppt und zu Paule in den Kasten gesteckt. Als man ihr die Augenbinde abnimmt, sieht sie sich dem Skelett gegenüber, das als kleinen Spaß einen Schokoriegel im Mund hält. Mittels der üblichen Elektromätzchen wird akustische Gespensteratmosphäre erzeugt. Dann beginnt die Therapie, und die schlotternde Beatrix muß sich die Verfehlungen ihres Lebens anhören, erneut auf Tuchfühlung mit dem Skelett, das bereits den Beginn der Krise einleitete und nun bei deren Beendigung eine Schlüsselrolle spielt. Damals hatte sich Stephan, der führende Ritter und ihr Freund, wie sie bis dahin glaubte, als realitätsfremder Wicht erwiesen. In ihrer Wut über das alberne Getue der Ritter in ihrer kindischen Welt, in der fast erwachsene junge Männer Eßrekorde aufstellen und sogenannten 'Hühnern' Streiche spielen, dabei triefend vor Selbstgerechtigkeit und Überheblichkeit, hatte sie beschlossen, diese Scheinwelt zum Einsturz zu bringen. Doch ihre Methoden waren tatsächlich nicht korrekt gewesen. In ihren eigenen Gefühlen gekränkt und verwirrt, hatte sie versucht, die Gefühle anderer zu manipulieren, um die Rittergemeinschaft zu erschüttern. Sie hatte versucht, einen Liebesreigen in Gang zu setzen, sie hatte versucht, Eifersuchtsdramen zu inszenieren, und dabei ihre Freundschaften auf Rosenfels aufs Spiel gesetzt, ja es sogar zu Tätlichkeiten kommen lassen, obwohl sich ihr Angriff gar nicht gegen die unbeteiligten Mädchen richtete (was sich besonders daran zeigt, daß Anke nie Gegenstand ihres Unmuts war, der Biß hat ja andere Gründe). Sie hatte vor allem Ingrid verprellt bei dem Versuch, Florian und Dampfwalze gegeneinander auszuspielen. Und sie hatte ausgerechnet Florian, der als einziger nicht zu den 'Idiotenrittern' gehörte, denen ihr Angriff galt, mehrfach bloßgestellt (Florian hatte letztlich ihren Plan scheitern lassen, indem er sich zurückhielt, sachlich blieb und Dampfwalze, der todsicheren Eifersuchtsbombe, den Wind aus den Segeln nahm). Sie hatte die anderen benutzt, um ihre Vorstellungen und ihren Plan durchzusetzen.
Und nun bekommt sie es zu hören. ?Und wenn etwas nicht nach deinem Dickkopf geht, dann drehst du durch und schadest dir damit selbst am meisten. Mit deinem Egoismus, deiner Rücksichtslosigkeit stößt du viele vor den Kopf.? [II, 548f]
Die hellseherische Tante bringt die Dinge wie üblich auf den Punkt. Nicht auszudenken, wenn Ritter und Mädchen die Sache allein in die Hand genommen hätten. Doch auch hier bewies Florian die richtige Umsicht, und so kann er die Aktion letztlich sogar vor FDH vertreten.
Beatrix lernt ihre Lektion. Sie hatte ja bereits in den letzten Tagen Gelegenheit, festzustellen, daß die Sache aus dem Ruder gelaufen war.
Daß sie wirklich nicht weiß, wer da draußen zugange ist, ist unwahrscheinlich. Daher faßt sie die Aufforderung, in Paules Schokoriegel zu beißen (interessant, wie das Symbol der Sense aus der früheren Szene hier ersetzt wurde), ebenso als Versöhnungsgeste auf, wie es draußen Florian und Ingrid, Anke und Stephan (der ja längst seinen inneren Frieden mit Beatrix gemacht hat) tun, die sich vor Freude in die Arme fallen.
Dampfwalze hingegen rülpst seine Enttäuschung ins Mikro. Die Enttäuschung darüber, daß Beatrix wieder dazugehören wird, er aber, der einsame Ritter, nicht. Dampfwalze in seiner sozialen Isolation, jetzt hat er sogar die Kommunikationsfähigkeit verloren. Er rülpst. Dann wird es still.

?Dreht sie zurück!? [II, 549] ist der letzte Satz, den Ottokar sprechen wird. Aber in seiner zweiten Bedeutung bleibt es ein frommer Wunsch. Man kann sie nicht zurückdrehen. Sie ist abgelaufen.

Konzertgeflüster
Das letzte Kapitel des Buches und damit der Serie beginnt mit einem lustigen Konzert, bei dem Beatrix großmütig auf einen Preis verzichtet, weil ihre Mutter Sängerin und sie damit musikalisch vorbelastet sei (was alle von ihr erwarten, obgleich nach dieser Logik niemand einen Preis aufgrund seiner Fähigkeiten, sondern nur durch Glück erhalten dürfte), wird Florian endlich zum Ritter geschlagen. Dies geschieht, wie am Ende dieses Buches nicht anders zu erwarten, ohne Mitwirkung des Ritterrates, ohne Mitwirkung von Ottokar, allein durch die Initiative von Stephan. Florian wird im Rittersaal, vor versammeltem Publikum aus beiden Schulen, in einer höchst formalen Geste mit dem Schwert zum Ritter geschlagen. Diese Szene unterscheidet sich völlig von den früheren Aktionen in der Folterkammer. Die Gratulationsrunde, die sich anschließt und an der auch alle Offiziellen teilnehmen, feiert Florian wie den Sieger einer Präsidentenwahl, obwohl er doch eigentlich nur in die Ritterschaft aufgenommen wurde, der alle anderen Schreckensteiner sowieso schon angehören.
Doch dem ist nicht so. Denn die alte Gemeinschaft, die alten Institutionen sind aufgelöst. Stephan, Ottokar, Dampfwalze sind abgetreten. Florian ist der Musterritter der neuen Zeit. Dr. Waldmann, der beliebteste Lehrer und Vertrauensmann der Schülerschaft, schüttelt ihm beide Hände und besiegelt damit die Zusammenarbeit.

Was ist geblieben?
Der alte Schreckenstein existiert nicht mehr. Mit Florian hat eine neue Form Einzug gehalten: ritterliches Verhalten ohne die bis dato üblichen Ritterspielchen. Für die Jungs bei ihrem Einzug auf die Burg war das durchaus ein geeigneter Weg, sich mit ihrer neuen Situation auseinanderzusetzen. Für die jungen Herren bei der Vorbereitung auf den Einzug ins Leben ist er das nicht mehr. ?Ohne etwas getan zu haben, steckte er [Florian] in Teufels Küche [bei der Rittergemeinschaft]. Und warum das alles? Weil er sich im Grunde nur ritterlich verhalten hatte.? [II, 536] Wir erinnern uns an das, was die Hellseherin damals bei ihrem Auftritt in Schreckenstein gesagt hat: ?Manches, das schon reif wäre, kann noch nicht gesagt werden, ohne Empörung auszulösen und völlig idiotische Nebenerscheinungen. Aber das Neue kommt dann doch. Das ist immer so, in jeder Gemeinschaft. Am Neuen muß sich das Alte bewähren, ob es noch trägt, oder nur mehr Gewohnheit ist.? [II, 189]
Die Beziehungen zwischen den Schulen haben sich verändert. Im Vordergrund steht nicht mehr der kindliche Streich, sondern die erwachsene persönliche Beziehung. Auch hier ist Florian Vorbild. Er ist der einzige, der bisher in der Lage ist, eine gleichberechtigte Beziehung zu einer Frau aufzubauen, deren prägende Eigenschaft ihre Intelligenz ist (während Andi bei Amanda Verwirrung und Gehorsam besonders gut gefallen).
Und was ist mit Beatrix? Vordergründig ist sie gescheitert. Doch ihr eigentliches Ziel, die alten Zustände aufzubrechen und eine Veränderung herbeizuführen, hat sie erreicht, auch wenn sie viel dafür bezahlt hat. Und sie hat sich weiterentwickelt, damit unterscheidet sie sich von den anderen Gescheiterten, Ottokar und Dampfwalze. Sie bleibt zum Schluß allein, noch gibt es niemanden, der entwicklungsmäßig zu ihr paßt. Denn wie Florian verkörpert sie jetzt die neue Generation. Und so spielt sich die Versöhnungsszene am Schluß nur zwischen ihnen beiden ab: sie bittet Florian um Verzeihung, daß sie seine Gefühle und seine Situation für ihre Pläne mißbraucht hat. Aber auch er bittet sie um Verzeihung, weil er ihren Charakter die ganze Zeit falsch eingeschätzt hat. Auch hier ist die Veränderung spürbar: es ist nicht mehr 'erledigt und vergessen'. Es geht um Verstehen und Verzeihen.

Damit ist das Ende von Schreckenstein erreicht. Was jetzt folgt, ist eine andere Welt.

6

Thursday, January 15th 2004, 6:58pm

Respekt! :chef:

Ich glaube, so konsequent hat bisher noch niemand diesen Band durchleuchtet. Da steckt einiger Diskussionsstoff drin, zumal Du in Deinem Beitrag auch einige heilige Kühe schlachtest :D

Mit zunehmendem Alter der Hauptakteure zeigte sich ansatzweise schon in den vorhergehenden Bänden, daß die bisherigen Beziehungen zwischen Schreckensteinern und Rosenfelserinnen aber auch der Ritter untereinander neu geordnet werden mußten. Die zunächst feindseligen, später dann zunehmend kameradschaftlichen Umgangsformen gegenüber dem anderen Geschlecht können bei Zehntklässlern (oder älteren) nun mal nur sehr begrenzt aufrecht erhalten werden. Und daß bisherige Freundschaften (in diesem Fall die viel beschworene Gemeinschaft) hinter dem neu erwachten Interesse für das andere Geschlecht zurückstehen müssen, ist wohl auch allgemeine Lebenserfahrung. Für die Akteure zu beiden Seiten des Sees allerdings wohl nicht, da sie in einer doch recht isolierten Umgebung aufwachsen. Kontakte zu älteren Geschwistern oder Freunden fehlen völlig. Und so tappt die Klasse der Großen unvorbereitet in diese Hormonfalle. Die Klasse der Minis wird es da leichter haben. Wobei sich auch hier wieder die Frage stellt, inwieweit Hassencamp sich darüber Gedanken gemacht hat. Vielleicht hat ihm das "alte" Schreckenstein einfach zu viel Spaß gemacht, um schon früher etwas daran zu ändern.

Ich hatte bisher schon vermutet, daß Hassencamp mit Band 27 die Wandlung von der Kinder- zur Jugendbuchserie einleiten wollte. Das wurde bei dem Alter der Hauptdarsteller auch höchste Zeit. Daß er dafür aber das ideologische System auf der Burg teilweise demontieren mußte, hatte ich noch nicht durchdacht.

Vor diesem Hintergrund wären die Bände 28 und folgende sicherlich interessant zu lesen gewesen. Aber ich kann mir nicht vorstellen, daß das dann noch "mein" Schreckenstein gewesen wäre. Seien wir doch mal ehrlich: Probleme, größere oder kleinere, haben wir doch alle selbst genug. Dazu muß ich keine Bücher lesen. Der Charme der Reihe, der gerade uns Rentner hier im Forum zu Fans macht, ist doch die Unbeschwertheit, mit der die Probleme (die bisher meist darin bestanden, daß die Horn nichts merkt) in Angriff genommen und gelöst wurden. Keiner von uns will hier von irgendwelchen Bettgeschichten lesen - oder vom Super-GAU: Die Ritter machen ihr Abi und verlassen die Burg.
Ich sehe überhaupt keinen Grund, etwas in diese Signatur zu schreiben!!!!111elf

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HerrDix

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7

Thursday, January 15th 2004, 9:38pm

Wow! Warum habe ich eigentlich den Band gelesen? Deine Analyse liest sich eindeutig besser! Danke für die Mühe, der Text hat mir gut gefallen. Die Umwertung der Werte in diesem Band war mir nie so fassbar, wie mit Du sie skizziert hast. Vielleicht doch besser, dass es keine weiteren Bände mehr gibt. Irgendwie hatte ich den Traditionsverein doch ganz lieb, aber er hat sich wohl überlebt. Wie würden die abgetretenen Lotsen mit den Ansprüchen der neuen, flexibleren Rittergeneration umgehen? Klingt ja fast wie das Scheitern der DDR. Zerbrochen an den inneren Widersprüchen im Verhältnis zum eigenen (sozialistischen) Ideal. Oh weia, die alten Funktionäre, oder zumindest die nicht-Wendegewinner, stehen vor den Trümmern ihres Wirkens, gezwungen in die innere Emigration...
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8

Friday, January 16th 2004, 11:15am

dem kann ich mich auch nochmal anschließen, ich habs dir ja schon per mail geschrieben, aber sehr interessante und superkühle analyse, wenn ich die zeit finde, werd ich auch nochmal näher drauf eingehen, vor allem sollte jemand mal mcm bescheid geben, dass es hier meter-posting-stoff gibt ;)

ottokars demontage gefällt mir mit am besten, auch wenn mir das bisher nie so aufgefallen ist bzw ich das nie so gesehen habe, so hast du mmn vollkommen recht.

zu einer fortsetzung sei zu sagen daß ich davon überzeugt bin, daß - unabhänig davon dass oh schon notizen über folgebände hatte - auf jeden fall mit der neuauflage geplant war die reihe weiterzuführen, was auch die massiven änderungen in band 27 beweisen, was mir beim lesen der analyse und nachsehen der textstellen wieder aufgefallen ist. zb fehlt der satz "schade, kein schöner abschluß" komplett, ebenso wie ja zb auch am ende einiges kaschiert wurde zwischen stephan und beatrix.

ansonsten hätte hassencamp diesen schnitt auch nicht machen müssen, er hätte seine ritter nie älter werden lassen brauchen. die ??? sind auch schon über 113 bände in ca. einem alter und die freundinnen und das autofahren wurden von der fangemeinde soweit ich weiss auch nicht gerade gerne gesehen.

aber besser 27 gute bände statt ab band 40 nur noch lasches rumgeblubber und dämliche streiche.

für mich ist band 27 zwar kein wahrer abschluß, aber er läutet das ende einer ära ein ..

aloisix

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9

Friday, January 16th 2004, 9:06pm

kühle sache....

da für mich die burg in ihrer hochzeit (hoch hier im sinne von oben...) irgendwo zwischen band 10 und 20 stehen geblieben ist, fahre ich logischerweise nich so auf die letzten bände ab.
das wird durch die sache hier bestätigt. endlich hat mal einer ausgesprochen was wir doch alle dachten: das ende der burg ist nahe und wir wollen doch lieber keine "fortsetzung".
auf zu den fangeschichten und die trimester auf jahrzehntelänge aufgeblasen!!!
Ich geb es zu, was ich brauch zu meinem Glück
ist ein frauenfeindliches AC/DC-Stück.
Ein garantiert intellektfreier Prolalarm
...


Siegfried

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10

Thursday, January 22nd 2004, 11:59pm

Echt starke Analyse, Jean! :hut: Die liest sich ja fast besser als Band 27 selbst. ;) Aber wenn man zwischen den Zeilen liest, dann kann man das durchaus so interpretieren. Und wenn deine Gedankengänge nur ansatzweise mit denen von OH damals übereinstimmen sollten, dann ist es wohl besser, dass es keinen Band 28 mehr gegeben hat. :)

Oder noch schlimmer: was käme erst raus, wenn Du den Band 28 schreiben würdest? :eek: :angst: :D
"Ich komme mir vor wie ein Altschreckensteiner, der zehn Jahre nach dem Abitur
die Stätten seiner früheren Streiche wieder besichtigt" =)
(Klaus, Band 15)

Jean

Unregistered

11

Wednesday, February 4th 2004, 11:18pm

Also gut, dann werde ich mich mal um Zugang zu den Fan-Projekten bemühen :fies:

Eine meiner Analyse zugrundeliegende Hypothese war, daß es auch ohne den tragischen Unfalltod von OH keinen Band 28 mehr gegeben hätte.

Der Höhepunkt ist erreicht, alles, was zum Verständnis der Ereignisse und der weiteren Entwicklung nötig ist, wurde erzählt. In einem Roman würde vielleicht noch ein Epilog folgen, aber das ausformulierte Ende und gar das Happy-End ist der Albtraum jedes ernsthaften und progressiven Schriftstellers. Wobei das sogenannte "Offene Ende", in der Schule mit "der Autor will den Leser zum Nachdenken anregen" interpretiert, sich für mich häufig als "der Autor will dem Leser das Nachdenken überlassen und hat selbst die Kurve nicht mehr gekriegt" darstellt. Inzwischen hatte ich auch schon mehrfach das Gefühl, daß der Autor einfach Angst hatte, Stellung zu beziehen und sich festzulegen und durch ein definiertes Ende die Leser zu verprellen, die sich einen anderen Ausgang gewünscht hätten (und dann "doofes Buch" denken).

Was Band 28 anbetrifft, bin ich inzwischen allerdings anderer Meinung.
In 80-Seiten-Schneider-Büchern ist kein Platz für Epiloge, und in Jugendbüchern sind ausformulierte Enden durchaus angebracht. Und daher denke ich, daß es vermutlich doch einen Abschlußband 28 gegeben hätte.
Selbst bei den weniger jugendlichen Mitgliedern dieses Forums besteht ja der Wunsch nach einem klärenden Band 28, und es hat immerhin 15 Jahre gedauert bis zu dieser alternativen Betrachtungsweise (auch für mich, denn ich haben Band 27 direkt nach seinem Erscheinen gelesen (und war selbst entt.., naja, sagen wir, irritiert).

__________________
Früher war es auch schon nicht mehr wie noch früher.

Carsten

Unregistered

12

Thursday, February 5th 2004, 8:13pm

Erstmal möchte ich mich den Komplimenten anschließen, Jean - die Analyse ist wirklich klasse. Wenn du auch nur ansatzweise so gut selbst schreibst, wie du analysierst, dann hoffe ich, dass das mit dem Fangeschichten-Zugang schnell was wird :)

Ich muss gestehen, dass ich auch lange mit Band 27 meine Probleme hatte, obwohl ich ihn (bzw. 24-27) erst vor einigen Jahren gelesen habe, mehr als ein Jahrzehnt nach meiner "eigentlichen Schreckensteinzeit" (die allerdings nie ganz aufgehört hat). Eine ganze Zeit lang war ich auch ein Anhänger der "Ghostwriter-Theorie." Nicht nur wegen der inhaltlichen Veränderungen in den letzten paar Bänden, sondern auch weil ich mein(t)e, Unterschiede im Schreibstil und "bugs" wahrzunehmen (z.B. Udo statt Kuno als vierter Mini), von denen ich überzeugt war, dass sie OH nicht hätten passieren können.
Inzwischen habe ich mich (nicht zuletzt durch die Versicherungen einiger der alteingesessenen hier) davon überzeugen lassen, dass dem nicht so ist, und das letzte Mal, als ich Bd. 27 gelesen habe (ist erst ein paar Wochen her), fand ich ihn auch längst nicht mehr so schlecht wie früher.

Ich finde die Idee dieses Wandlungsprozesses gar nicht mal schlecht, und denke, dass Schreckenstein auch eine sehr gute Jugendbuchreihe abgegeben hätte - eben weil die Probleme, die auftreten, wenn persönliche Beziehungen ins Spiel kommen, eben auch die Leser im entsprechenden Alter haben. Aber gerade dort liegen m.E. die Mängel des Bandes: Dass es "frischen Wind" in Gestalt von Florian braucht, um dem Problem mit Bea beizukommen (das ich nebenbei für sehr überzogen dargestellt halte - ein Zeichen dafür, dass die Darstellung dieser Art von pubertärer Gefühlswelt für OH möglicherweise zu sehr "Neuland" war) - gut. "Am Neuen muss sich das Alte bewähren", und einiges von der alten Art der Ritter, mit Mädchen umzugehen, war durchaus erneuerungsbedürftig. Aber für die jugendlichen Leser wäre es meiner Meinung nach besser gewesen, wenn es dabei ohne die übersinnliche Hilfe abgegangen wäre - die man im normalen Leben eben nicht zur Verfügung hat.

Muss für den MOment mal reichen; ich muss meine GEdanken zu dem Thema noch ein bisschen besser in Struktur bringen. Fortsetzung folgt ...

Dani

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13

Thursday, February 5th 2004, 9:51pm

Quoted

Original von Jean
Also gut, dann werde ich mich mal um Zugang zu den Fan-Projekten bemühen :fies:


Du brauchst Dich nicht weiter zu bemühen, Du hast jetzt Zutritt. :)

moriol

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14

Sunday, February 8th 2009, 1:25am

weiterführende überlegungen

lieber jean,

deine schlussfolgerungen sind sehr erhellend und machen in meinen augen durchaus sinn.
folgende überlegungen möchte ich dazu in den raum stellen:

  1. der charakter der serie beginnt sich mmn bereits nach bd 15, spätestens aber ab bd 19, zu verändern, was mit der langsamen etablierung von florian als hauptcharakter (und späterem neuen handlungsstrang) sichtbar wird.
  2. massiv treten weitere neue charaktere auf, die aber keine stärkere profilierung mehr erfahren (die schotten, dingsbums, studienquintett, später auch neue ritter und neue hühner die zuvor nicht in erscheinung getreten sind). über den verlauf der serie insgesamt gesehen hätten wir damit drei grosse expansionswellen zu verzeichnen, ausgehend vom originalsetting das zwischen bd 2 und 3 erstmalig stark ausgebaut wird (alle hühner der 1. generation, andi, pummel, eugen und fast alle ritter der "mittelstufe"). die zweite expansion ist zwischen bd 5 und 6 anzusiedeln, das figurenuniversum wird in richtung neustadt und rosenfels hin noch einmal kräftig und systematisch ausgebaut. diese beiden ersten erweiterungen erfolgen umfassend und sehr geschickt, die neuen charaktere werden geschickt profiliert und tragen teils ganz entscheidend zum weiteren handlungsausbau bei. bei der dritten erweiterung die mit dem auftreten von mac harris und den schotten im bd 16 schleichend einsetzt, ist das nicht mehr der fall. die vielzahl neuer charaktere wird nicht mehr vollständig integriert. in schneller folge treten dann neue charaktere auf, die die handlung meist auch nur über einen bd tragen können, dingsbums, das studienquintett, noch einmal die schotten, neue ritter und hühner in nebenrollen, hassan, die collegianerInnen, etc. die entscheidende ausnahme wird florian, der stärker als jemals ein einzelcharakter davor in eine tragende rolle rutscht.
  3. gleichzeitig beginnen die handlungsebenen auseinanderzudriften, mehrfach wird der gewohnte rahmen des kapellsees verlassen(schottland, schloss der schwester, collegium...). mit den geistern in 16, 19, 20 und 27 und weiteren bden kommt noch einmal ein neuer handlungsfaden dazu, insgesamt wird aber im gesamten letzten drittel der serie deutlich, dass die innere homogenität wie sie etwa in 9-15 zu tage tritt, kontinuierlich verloren geht. inhaltliche fehler und innere widersprüche treten treten gehäuft auf. das tägliche leben auf der burg tritt zugunsten äusserer und ausserordentlicher inflüsse in den hintergrund.
  4. die extreme entwicklung der charaktere ottokars und dampfwalzes, wie sie jean in seinem beitrag so hervorragend herausarbeitet, tritt erstmalig schon im düsteren bd 19 leise zu tage. der dort praktizierte bruch in der gemeinschaft kann und will wohl auch von oh nicht mehr endgültig überwunden werden, auch wenn oberflächlich noch einmal fü einige bde ruhe einkehrt. besagtem bd 19 kommt für mich eine sonderrolle zu, er sticht mindestens ebenso stark aus der serie hervor wie die ominöse 27.
von diesen überlegungen ausgehend lassen sich mehrere schlüsse ableiten: (die allerdings angesichts des frühzeitigen todes von oh und angesichts ihres hypothetischen charakters überhaupt keinen praktischen wert haben)
  1. würde ich zur vermutung tendieren, dass die in bd 27 angedeutete tendenz zu einer sehr radikalen umgestaltung des bewährten gemeinschaftsgefüges in bd 28 noch einmal eine relativierung erfahren hätte.
  2. der innere handlungsspielraum der serie war für oh spätestens seit dem band 20 weitestgehend ausgeschöpft. die weiterentwicklung fand nur mehr anhand neu etablierter charaktere statt (in 26 übrigens fast noch stärker als in 27) und auf längere sicht gesehen wäre die weitere annäherung an die lebensrealität des dt schülers der späten 80er (die ja nicht sehr viel mit dem schreckensteiner der 1er oder frühen 10er-bde gemein hatte) an sich folgerichtig.
  3. 30 bde und das ersehnte abitur wären von einem pragmatischen standpunkt aus betrachtet wohl das nonplusultra gewesen. und dessen erreichung hätte sicherlich noch das eine oder andere opfer erfordert.
damit will ich diesen späten nachtrag einmal beenden. ich musste in letzter zeit doch wieder über vieles an der serie nachdenken, und ich bin auch gerade dabei, die zerfledderten bücher wieder durchzuarbeiten. gewisse schreckenstein-zitate bleiben einem als lebensmotto auch nach fast 20 jahren noch präsent... :-)

bächle

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15

Friday, April 2nd 2010, 12:45am

OH hätte auch schon wesentlich früher aufhören können. Er wird seine Gründe gehabt haben, weiterzumachen. Nebenbei: Kennt die jemand? Hat's ihm weiter Freude gemacht? Vermutlich entscheidend war das Übliche: Der Zwang zum Broterwerb in einem unsicheren Beruf. Wenn ein Verlag sagt: Liefere, wir zahlen, gibt's gar keine Alternative. Das ist ja das Beste, was einem Autor passieren kann.

Aus meiner Sicht zeigen sich schon weit vor dem Ende des ersten Dutzend deutliche Abnutzungserscheinungen. Und niemand anders als OH wird der erste gewesen sein, dem das in aller Klarheit bewusst geworden ist.

Die drei??? dagegen z.B. haben ein klares Anforderungsprofil mit unendlichen Möglichkeiten, Krimi eben. Mit so einer Schul-Burg sieht es völlig anders aus. OH hatte immerhin schon im dritten Band ein literarisch weiterführendes Mittel erwogen und ausgeführt: Die Entwicklung eines eigenständigen Charakters (und auf wenig Gegenliebe ist dieser Versuch gestoßen, wenn man nach den Wertungen der Bände hier im Forum urteilen will). Damit hätte er neue Wege beschreiten können. Er ist dann beim alten Muster geblieben und hat sich außerhalb der Serie stattdessen an Florian ausprobiert. Letztlich konsequent, denn eine Dauerserie hat nunmal ihre eigenen Gesetze, gegen die man nicht ungestraft verstößt, z.B. Wiedererkennbarkeit für die alteingesessenen Fans. Kosten dafür: flache bzw. sich wenig entwickelnde Charaktere und immer wieder neuer Krampf bei der Themenfindung und Story-Entwicklung (dieses Urteil möge man mir als Fan verzeihen). Ein mit weniger Phantasie begabter Autor wäre schon lange verzweifelt. Geht es doch nicht nur darum, sich nette Geschichten auszudenken, sondern vor allem darum, sie am Markt verkaufen zu können...

Von daher war einer meiner Gedanken bei den letzten beiden Bänden, es muss ein Ghostwriter sein, woher sonst plötzlich der alte Schwung? Aber es kann auch OH sein, natürlich, wahrscheinlich sogar. Im letzten Band, einer meiner Lieblingsbände nebenbei, ist er neue Wege gegangen, warum auch immer. Und die tolle Analyse von Jean zeigt, wie alles Alte dabei ins Wanken kommt. Freilich hätte OH das Ganze schon 20 jahre vorher und noch wesentlich radikaler sprengen können. Wenn man seine anderen (Erwachsenen-)Bücher liest, wird klar, dass er dafür nicht zwangsläufig den Zeitgeist der 80/90er brauchte. Auch das führt wieder zu der obigen Frage: Warum hat er überhaupt die Reihe so lange fortgeführt? Aber vielleicht ist dann doch spannender - und genauso wenig zu beantworten: Wie sah seine Motivation für die zukünftigen Vorhaben aus? Vielleicht schlicht, weniger Kritik bei der schreibenden Zunft ob seiner schon ab den 70ern völlig anachronistisch wirkenden Schreckensteinwelt zu ernten?

Das Ganze spielt sich im Kopf des Autors ab. Auch die Änderungen im letzten Band ergeben sich nicht aus dem Inhalt der Reihe, sondern als Folgen der Entscheidungen, die OH für sich getroffen hat. Die bringen dann ganz von selbst auch das sogenannte Gemeinschaftsgefüge ins Rollen.
Gruß
Bächle
_________
DKW 3=6

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