Wo ist die Restschule, wo sind die älteren Schüler?
Die Frage kann man unter drei Gesichtspunkten betrachten:
1. Was gibt der Text her?
2. Was würde der Realität entsprechen?
3. Was ist durch die Erzählung selbst bedingt?
Zum 1. Punkt ist bereits einiges gesagt und belegt worden.
Auf den 2. Punkt möchte ich noch nicht eingehen.
Daher hier ein paar Gedanken zum 3. Punkt.
In Band 1 gibt es 3 wesentliche Elemente.
Schüler ziehen auf eine Burg, richten sich ein und krempeln ihr Leben um.
Ein Neuer kommt hinzu und muß sich in die Gemeinschaft einfügen.
Die Existenz der Burgschule ist bedroht.
Das erste Element dient als Einführung. Es ist so nicht zwingend, genauso wäre es denkbar, eine bereits existierende Burgschule und ihre Prinzipien zu schildern, wie dies in den (ja durchaus unabhängig lesbaren) Folgebänden auch geschieht. Allerdings wird durch den Umstand, daß "ganz normale Stadtschüler" plötzlich in ein Burginternat versetzt werden, dem jugendlichen Leser das Gefühl vermittelt, daß auch ihm dies passieren könnte, auch wenn er selbst nur ein ganz normaler Stadtschüler ist. Und eng ist es in seiner Schule vielleicht auch (jedenfalls zu der Zeit).
Das zweite Element, die Einführung des Helden, zeigt die Entwicklung des Fremden in die Gemeinschaft, also ein ganz wichtiges Thema für den jungen Leser. Es würde sich jedoch eigentlich viel nachvollziehbarer gestalten, wenn es sich tatsächlich um ein etabliertes Internat handeln würde und nicht um eine Gruppierung, die selbst gerade erst dabei ist, ihre neuen Verhaltensweisen zu entwickeln.
Das es sich dennoch nicht um eine etablierte Schule handeln darf, ergibt sich in Element 3. Die Gefährdung der Schule durch eine unmittelbar drohende Kündigung (3 Monate !!!) ist zwar einerseits ohnehin unrealistisch, völlig undenkbar jedoch bei einem etablierten Traditionsinstitut (ebenso wie die späteren Gefährdungen durch die Schulbehörde, durch Abitur, durch Kollegen). Die Geschichte kann also nur funktionieren, wenn sich die Schule bereits in einer Notsituation befindet und durch eine kurzfristige, unbürokratische und damit widerrufbare Hilfeleistung auf der Burg existiert.
Um diesen provisorischen Charakter und damit die latente Zerbrechlichkeit zu verdeutlichen, darf die Burgschule zunächst nicht ein Riesenapparat sein, sondern wird in Nachbarschaftshilfe aufgebaut und hat außer einem [1!] Leihkoch überhaupt kein Personal (keine Schulschwester, keine Sekretärin, nicht einmal den unvermeidlichen Hausmeister).
Als weitere erzählerische Notwendigkeit ergibt sich die Begrenztheit der Schülerzahl. Es handelt sich um Geschichten, die sich an, sagen wir mal, 12-15jährige wenden. Die Hauptpersonen müssen also in ebendiesem Alter sein, etwa 14-15, maximal 16. Diese Gruppe der Helden muß aber gleichzeitig die "Oberschicht" bilden, sonst funktioniert die Geschichte nicht mehr.
Würde es 18-29jährige Oberstufenschüler geben, könnte Ottokar kaum Schulkapitän sein; der Ritterrat, die Wappenschildredaktion wären nicht in der Hand unserer Helden, wenn es drei bis vier ältere Schülergenerationen gäbe.
Auf Rosenfels haben wir ja exakt das gleiche Problem. Daher gibt es nur die Lösung, ältere Klassen zu ignorieren, obwohl dies ein krasser Verstoß gegen die Realität ist. Aus erzähltechnischer Sicht jedoch funktioniert die Geschichte nun.
Somit stellt sich für mich die Situtation folgendermaßen dar: Es gibt keine älteren Schüler, weil es sie einfach nicht geben kann, weder in der Burg noch in Neustadt. Damit gibt es aber auch keine existierende Restschule. Und solange man sich inerhalb der Geschichte bewegt, ist dies völlig in Ordnung.
Erst wenn man versucht, die Geschichte in der Realität zu verankern, treten Probleme auf.
Dabei ist jedoch fraglich, inwieweit dies zulässig ist, inwieweit man also einen Autor an einer Realität messen darf, die er selbst gar nicht beansprucht (und was in manchen Vorbemerkungen von vorneherein abgewiesen wird).
Ich würde daher bei der Schülerzahl und der Frage der Restschüler auch nicht von einem Bug sprechen.
In Band 2 stellen sich Realität und Geschichte übrigens wieder ganz anders da. Daß Mücke erst in Band 2 damit rausrückt, daß er auf Rosenfels eine Schwester hat, liegt nicht etwa an "seit wann reden wir über Mädchen?", sondern schlichtweg daran, daß in Band 1 Rosenfels noch gar nicht existierte.
Der Autor hat die Welt seiner Geschichte gemäß eingerichtet, was sein gutes Recht als Schöpfer von Fiktion ist. Ein Fehler taucht erst da auf, wo der Autor sich selbst widerspricht, etwa wenn er an einer Stelle erklärt, daß eine Tür nach innen aufgeht, und ein paar Seiten später läßt er sie nach außen aufgehen.